Der Apfelbaum


eine Kurzgeschichte von

Sebastian Domke

© 2024

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Bilder: KI generiert mit Bing/Creator - 07.2024/KTH

Auf dem Schulhof hinter dem Fenster ragte ein kahler Apfelbaum empor, dessen Zweige sich unter dem Gewicht der Schneemassen neigten. Das war ganz nach Andreas’ Geschmack: Keine Blätter, die sich im Geäst tummelten, kein Laub, das über die hübschen quadratischen Pflastersteine stieb, keine Äpfel, die jemandem auf den Kopf fielen. So wie der Baum jetzt in seiner Essenz war, mochte Andreas ihn besonders gern.

Seine Puberties unterrichtete er am liebsten in Mathe. Andreas liebte es, das Treffen logischer Entscheidungen anhand von Kausalketten mathematischer Formeln zu lehren, die präzise zu Lösungen führten – noch mehr liebte er es jedoch, dabei in Gesichter staunenden Verstehens zu blicken. Denn das waren die Momente, in denen er den Grundstein dafür gelegt hatte, aus quatschköpfigen Kindern ordentliche Erwachsene zu formen.

Wenn Andreas seine Augen hinter dem Lehrerpult nur fest genug zusammenkniff, und sich seinen Tagträumereien hingab, leuchteten vor ihm die Punkte von Koordinatensystemen auf, an denen die Lernkurven seiner kleinen Spezialisten wie Sternbilder erstrahlten. Immer, wenn dies geschah, ermahnte er sich. Denn Träumereien waren nur etwas für kleine Kinder und nichts für Erwachsene.

Chaos missfiel ihm, vor allem deswegen hatte er die Vertretungsstunde in Kunst mit Widerwillen übernommen.

Rechenschritte auf einem karierten Blatt Papier waren vorhersehbar, Farben und Linien, mit denen Künstler auf der Leinwand Welten erschufen, hingegen nicht.

Was ihn bestürzte, war, dass manche dieser Welten wie Mikrokosmen von eigenen Gesetzten zusammengehalten wurden, die jeder Vernunft widersprachen.

Die Teenager tuschelten aufgeregt miteinander und beäugten Andreas erwartungsvoll.

Andreas las die Worte vom neuen Kunstlehrer, der ihm für die Stunde eine Notiz aus zwei Wörtern ins Fach gelegt hatte: Thema: Natur.

Wie könnte Andreas den Unterricht nur so gestalten, dass er sich wohlfühlte? Hm. Erneut blickte er nach draußen und bewunderte den kahlen Apfelbaum.

Ja, warum war er nicht schon vorher darauf gekommen? Das war die Idee!

Er deutete mit der Hand aufs Fenster.

»Heute malt ihr diesen Apfelbaum«, sagte er. Unter leisem Protest zückten die Schüler ihre Malblöcke und zeichneten.

Aus sicherer Entfernung beobachtete er, wie seine kleinen Spezialisten den Baum zu Papier brachten. Dann lächelte er. Die Skizzen der Schüler unterschieden sich kaum, aber sie strotzten vor Schlichtheit und Ordnung. Baumstämme, Äste und Zweige, die den Hierarchien mathematischer Formeln glichen.

In der letzten Reihe saß Eva, eine seiner Problemschülerinnen aus dem Matheunterricht. Andreas ging zu ihr und räusperte sich. Mit einem Arm verdeckte Eva den Malblock. Ihr Blick huschte zwischen dem Baum und dem Blatt hin und her. Immerhin befolgte sie die Anweisungen.

»Eva, zeig mir bitte deine Zeichnung.«

Eva schob die Unterlippe vor, schüttelte mit dem Kopf und malte weiter.

»Eva!«, sagte er. Zögernd sah sie zu ihm auf und drehte die Zeichnung zu ihm um. Andreas war zu schockiert, um sofort antworten zu können.

Eva hatte zwar wie die anderen Kinder einen Apfelbaum gemalt, nur war ihr Baum nicht kahl. An ihm hingen sattgrüne eiförmige Blätter mit Sägerand, die sich zu seinem Unbehagen in der Größe unterschieden, und einige Zweige bogen sich unter dem Gewicht knallroter Äpfel.

»Eva! Ich habe aufgetragen, den Baum hinter dem Fenster zu zeichnen. Trägt dieser etwa Blätter und Äpfel?«

»Aber ja«, sagte Eva.

»Willst du mich veräppeln?« Evas Augen verengten sich.

»Ich habe nur gemacht, was Sie gesagt haben.«

»Eva, du wirst mir doch recht geben, dass der Baum auf dem Papier sich von dem hinter dem Fenster unterscheidet?«

»Aber ja.«

»Dann musst du doch einsehen, dass du die Aufgabenstellung verfehlt hast und ich dir eine Fünf geben muss?«

»Aber warum denn?«, fragte sie und deutete auf den Baum hinter dem Fenster. »Sie haben gesagt, wir sollen diesen Apfelbaum zeichnen. Nur habe ich den Baum nicht gemalt, wie er ist, sondern so, wie er gemeint ist.«

»Wie er gemeint ist?«, fragte Andreas. Eva nickte eifrig.

»Ja, Gott sieht nicht die kahlen Äste, die wir sehen. Gott, sieht jetzt schon den Baum mit den saftigen Äpfeln. Ich finde, dafür sollten Sie mir eine bessere Note geben.«

Mit einem Taschentuch wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

»Eva, wer meinst du, bin ich? Jemand, der dich bestrafen will oder jemand, der dir etwas beibringen möchte?«

Eva runzelte die Stirn, betrachtete erst ihre Zeichnung, dann ihn – und lächelte. »Nein, Sie sind wie der Apfelbaum, den ich gemalt hab'.«

ENDE