Kimiko

eine Kurzgeschichte von

Sebastian Domke

© 2025

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Bilder: KI generiert mit Bing/Creator - 11.2025/KTH

Zweihundert und elf

Rupert klebte ein Post-It mit der Zahl 211 an die Schublade des Lehrerpults. Wenn die Schüler es zu weit trieben, würde der Zettel ihn beruhigen.

Diese 211 setzte sich nur aus drei Ziffern zusammen, würde ihm jedoch helfen, sich zu beherrschen. Noch einen Wutanfall würde er sich nicht verzeihen.

Er streckte die Hand aus und trommelte mit hochgezogenen Brauen auf das Pult. Das fing ja gut an. Nicht nur, dass die heute heiße, trockene Luft auf ihnen lastete. Die kleinen Monster auf den Stühlen vor ihm zeigten kein Erbarmen. Rupert ließ der Eindruck nicht los, dass die Fünftklässler den Religionsunterricht als Einladung betrachteten, sich mit wichtigeren Dingen zu beschäftigen. Wichtigeren Dingen wie TikTok, Whatsapp und YouTube.

Sehnsüchtig wandte er sich zu dem Stück Pappe an der Wand, auf dem die Schüler vor Weihnachten ein Plakat mit dem Titel „Ein Wort, das die Welt verändert“ angefertigt hatten. Darunter prangte in den Sprachen der bedeutendsten Länder der Erde das Wort „Danke“.

Kopfschüttelnd verfolgte er, wie seine Schüler im Kosmos ihrer Handys gefangen waren. Sie hätten allen Grund, ihm dankbar zu sein, dass er ihnen jede Woche etwas bot, das ihnen half, über den Tellerrand zu schauen. Stattdessen verhöhnten sie alle Versuche von ihm, sie auf das Leben vorzubereiten. Religionsunterricht brauchte man schließlich nicht im Berufsleben, es war eher ein Fach, das sich dafür eignete, den Kopf zu lüften, um ihn dann mit Müll zu verstopfen.

Rupert schielte zur „211“ und seufzte. Er musste sich zusammennehmen, sich beherrschen, Haltung bewahren.

Er hatte die Knirpse schon zu oft angeschrien. Nachher tat es ihm immer leid. So sehr die Kurzen Monster sein konnten, so sehr konnten sie auch verlorene Kinder sein, die in der digitalen Welt nach Orientierung und Werten suchten.

Überall war so vieles kaputt, kein Wunder, dass sie es auch waren. Er schluckte. So weh es tat, er würde daran nichts ändern. Alles, worauf es ankam, war Selbstkontrolle — um nicht das zu verraten, für was er tagein, tagaus warb: Menschlichkeit, Respekt und den Glauben an etwas, das größer war als man selbst. Wir Menschen sind offensichtlich viel zu kompliziert und verschieden, um miteinander auszukommen. Wie Gott uns wohl sieht?

Er hatte schon viele Bücher gelesen und Erklärungen gehört, darin hatte er nichts gefunden, was die digital verschnupfte Schar vor ihm auf den Plätzen wachrütteln würde.

Rupert hatte sich mit der Zeit eine Maske angelegt, die sich mittlerweile in eine verstörende zweite Haut verwandelt hatte, sodass es ihm schwerfiel, sich über die eigenen Empfindungen im Klaren zu sein. Und dann gab es diese Momente, in denen die Maske verrutschte und er die Fassung verlor, doch es waren nur noch 211 Tage, und die würde er schaffen. Dann würde er mit Würde in den wohlverdienten Ruhestand abtreten.

Rupert stellte die Tasche ab und hieb mit der flachen Hand auf den Tisch.

Die Schüler schreckten von den Handys hoch und starrten ihn an. Endlich. Endlich hörten sie zu.

„Ihr habt eine Minute Zeit. Wenn ich dann noch Handys entdecke, sammele ich sie ein. Eure Eltern können sie dann morgen bei mir persönlich abholen. Haben wir uns verstanden?“

Ein verhaltenes Kichern, letzte Protestrufe. Stühle rutschten über den Linoleum-Boden, letztlich verschwanden die Handys in den Hosentaschen und Rucksäcken.

„Lest nun im Lehrbuch auf den Seiten 10 bis 35 das Kapitel: Der Sinn der großen Weltreligionen. Das einzige, was ich nun hören möchte, ist das Umblättern der Seiten.“

Stille.

Nach zwanzig Minuten begann Rupert sich zu entspannen.

Er atmete tief durch und lächelte. Wann hatte er zuletzt vor ihnen stehen und seinem eigenen Atem lauschen können?

„Die Weltreligionen haben überhaupt keinen Sinn.“ Marks Flüsterton fräste sich erbarmungslos durch Ruperts fragilen Schutzpanzer.

Rupert eilte zu Mark, stützte sich mit den Händen auf die Tischplatte und lehnte sich so weit vor, dass Mark zurückschreckte.

„Weißt du eigentlich, was du da redest?“ Mark zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts mehr. Rupert richtete sich auf und ließ den Blick durch die Reihen schweifen.

„Ihr denkt vielleicht, dass Religion euch nichts angeht. Also gut.“ Er seufzte. „Ich zeig euch was.“ Er wandte sich wieder seiner Tasche zu, zog sein Mitbringsel heraus und stellte es aufs Lehrerpult.

Kaum merklich wanderte ein Flüstern und Raunen durch die Stuhlreihen. Rupert rieb sich die Hände und blickte in offene Münder.

Menschen in Leinen, Kamele, Hütten und blühende Wiesen erstreckten sich über Ruperts Miniatur-Erde.

„Das ist ein Porzellan-Globus, aber kein gewöhnlicher. Dort sind alle Länder mit den Bezeichnungen und Grenzen verzeichnet, wie sie zu biblischen Zeiten existierten.“

Nick, einer seiner skeptischsten Schüler aus einer der mittleren Reihen hob die Hand.

„Ja?“

„Woher wollen Sie wissen, dass die Abbildungen so überhaupt richtig sind? Und Moses und Jesus und so, die sind doch schon lange tot, und die Bibel ist doch nur alt. Das kann uns egal sein.“

Andrea neben ihm lachte, andere stimmten ein.

Ruperts Schläfen pochten, er setzte an, um Nick zurechtzuweisen, überlegte es sich aber anders, schritt durch den Mittelgang und ließ den Blick durch die Stuhlreihen wandern.

„Was glaubt ihr? Was gehen uns diese alten Geschichten an?“

Maria meldete sich.

„In der Bibel stehen Geschichten über das, was die Menschen mit Gott so gemacht haben und wie Gott ihnen geholfen hat klarzukommen.“

Es gab sie also doch. Die Spezies Schüler, die ihn hoffen ließ, dass diese Welt noch nicht verloren war.

„Sehr gut. Die Geschichten in der Bibel mögen alt sein. Während wir mit Laptops, IPADs und Smartphones ausgerüstet sind, haben die Menschen früher keinen Strom gehabt, so, als ob es sich um völlig unterschiedliche Welten handelt.

Aber unsere Suche nach dem Sinn im Leben, ob mit Gott oder ohne, der Umgang mit Schmerz und Freude, den Streitereien unter uns, bestehen aus dem gleichen Kern wie vor 2000 Jahren.“

Plötzlich fiel ihm ein asiatisches Mädchen auf, das er noch nie zuvor in der Klasse gesehen hatte. Rechts hinten in der Ecke hätte er es beinahe übersehen.

„Wer bist du? Ich habe keine Mitteilung über eine neue Schülerin bekommen. Was denkst du über die Geschichten aus der Zeit der Bibel?“

Doch das Mädchen sah ihn nur an und schwieg.

„Verstehst du, was ich sage?“, fragte er.

Das Mädchen saß nur regungslos da und sagte kein Wort.

„Sie ist Japanerin und heute den ersten Tag hier. Sie hat noch kein Wort gesprochen“, erklärte Janina neben ihr. „Unser Klassenlehrer hat gesagt, dass sie Kimiko heißt.“

„Nun gut, darum kümmere ich mich später. So ... und jetzt kommt bitte nach vorne ... einer nach dem anderen ... und schaut euch den Globus aus der Nähe an. Ihr dürft ihn auch anfassen ... aber VORSICHTIG!“

Rupert grinste und entspannte sich, doch er hatte sich zu Unrecht gefreut, denn die Kinder sprangen auf und jagten zum Pult. Wild riefen sie durcheinander und streckten ihre ungelenken Hände aus.

„Halt! Passt auf, dieser Globus ist kostbar,“ rief er. Doch er war machtlos. Das Getöse der Kinder verschluckte seine Rufe wie eine Stadionkulisse die eines Trainers am Spielfeldrand.

„Ich will ihn zuerst ...“

„Ich hab ihn ...“ Drei Kinder hielten ihn in die Höhe und zerrten an ihm.

„Ich ... ich ... ich.“

„Hey, Kinder, das ist kein Fußba...“, schrie er, doch es war zu spät. Der Globus schlug mit einem ohrenbetäubenden Knall auf den Boden auf und zerbarst in Hunderte Teile. Rupert zuckte zusammen.

Wie in Trance kniete er sich zu Boden und wog eine der Scherben in der Hand. Zu welchem Teil des Globus sie wohl gehört haben mochte? Er seufzte. Das durfte nicht sein.

„Du warst es!“, schrie Theo zu Manuela.

„Nein, du!“, sagte Manuela.

„RUHE! Haltet die Klappe!“ Mit geballten Fäusten stürmte Rupert nach vorne. „Setzt euch alle wieder hin. Sofort“.

Der Globus hatte ihn früher 2000 DM gekostet. Jeden Abend, bevor er zu Bett gegangen war, hatte er ihn betrachtet. Die Porzellankugel symbolisierte für ihn die einzige Welt, die seinem Leben Sinn gab.

„Du ... schnapp dir einen Handfeger und wirf die Scherben unten in die Mülltonne“, fuhr er Kimiko an. „Wenn du schon nicht am Unterricht teilnehmen möchtest, mache dich wenigstens auf diese Weise nützlich.“

Es herrschte eine Anspannung wie nach einer wochenlangen Dürre. Ein Funke würde genügen, um einen Brand zu entfachen.

Kimiko blickte ihn unverwandt an. Niemand sagte etwas. Alle Blicke waren auf das Mädchen gerichtet, das langsam aufstand.

„Na also“, flüsterte Rupert und drückte ihr ein Kehrblech und einen Besen in die Hand. „Geht doch.“

„Nun habe ich eine Strafarbeit für euch alle.“ Kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, beschuldigten sie sich wieder gegenseitig.

„Ruhe. Ihr seid alle Schuld. Ihr hättet langsam nach vorne treten sollen, ohne zu drängeln. Was ihr heute zerstört habt ...“ Rupert schluckte und wischte eine Träne fort „... hat mir alles bedeutet. Das könnt ihr nicht mehr gutmachen. Schreibt mir bis morgen einen zehnseitigen Aufsatz darüber, wie Gott uns Menschen sieht. Das wird euch eine Lehre sein. Der Aufsatz wird benotet.“

Protestrufe drangen, begleitet von der schrillen Pausenglocke, an sein Ohr.

„Geht mir aus den Augen. Wir sehen uns morgen früh um acht zur ersten Stunde.“

Sie verließen die Klasse mit gesenkten Schultern. Kimiko hatte inzwischen die Scherben zusammengefegt, stand an der Tür und warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Du auch, wirf endlich den Müll weg.“ Sie ging und zog die Tür leise hinter sich zu.

Rupert lachte auf. Eigentlich war das heute der ganz normale Wahnsinn. Die Menschen zerstörten seit jeher jede Gemeinschaft. Das Gleiche war gerade eben mit seiner kleinen Welt geschehen.

Er hatte fast alles verloren. Seine Familie hatte sich vor Jahren zerstritten, selbst zu seinem Bruder Malte, mit dem er früher auf Kirschbäume geklettert war, Baumhäuser gebaut hatte und oft stundenlang durch die Wälder getigert war, war die Verbindung zerbrochen. Rupert kam mit Maltes Depression einfach nicht klar. Eine Erkrankung, dessen Schuld sich alle in der Familie als Staffelstab zuschoben. Nur konnte man mit Schuld nicht als Sieger die Ziellinie überqueren. Trug Rupert vielleicht an all dem einen Anteil? Zumindest bei seinem Bruder, den er zutiefst gekränkt hatte, wäre das möglich.

Zweihundert und zehn

Als die Kinder am nächsten Morgen auf den Stühlen saßen, zügelte er seine Wut und wies sie mit zittriger Stimme an, ihm die Strafarbeiten auszuhändigen.

Alle folgten seiner Anweisung, bis auf eine Ausnahme: Kimiko machte keine Anstalten, ihm etwas zu geben.

„Kimiko, da du gestern verstanden hast, dass du Scherben zusammenfegen solltest, wirst du sicher auch jetzt meine Worte verstehen: Händige mir sofort deine Strafarbeit aus.“

Das Mädchen regte sich nicht.

„SOFORT!“ Immer noch keine Reaktion.

„Kimiko, die Aufgabe bestand aus der Frage: ‚Wie sieht uns Gott?‘ Du bekommst jetzt noch eine Chance, mündlich zu antworten. Sonst muss ich dir leider eine Sechs geben. Also. Wie sieht uns GOTT?“

Langsam erhob sich Kimiko und näherte sich ihm mit der Schultasche unter dem Arm.

In der Klasse war es so still, dass man eine Büroklammer fallen gehört hätte.

„Zusammen“, sagte sie, öffnete den Verschluss der Tasche, zog etwas Rundes heraus und stellte es auf den Tisch.

Es war Ruperts Globus. Seine kleine Welt, die gestern noch in Trümmern gelegen hatte. Nur, dass sie jetzt anders aussah. Kimiko hatte die Scherben zusammengeklebt und die Risse golden verziert. Zwischen den einstigen Scherben verliefen goldene Flüsse, die alle Kontinente miteinander verbanden. Die einstigen biblischen Grenzen existierten nicht mehr. Goldenes Licht floss funkelnd durch Länder und Täler, verknüpfte Menschen und Dörfer.

Tränen stiegen Rupert in die Augen und rannen die Wangen herab. Das war … ein Wunder, seine kleine Welt war nicht nur wieder ganz, sie erstrahlte zudem in wärmerem, hellerem Licht.

Die Kinder nahm er nur noch durch einen Schleier wahr. Sie flüsterten, manche deuteten staunend auf den goldenen Globus.

„Oh Gott, vergib mir“, wisperte er. „Ich war so blind.“

Er blickte zu Kimiko. Er wollte ihr danken, doch mit einem einfachen „Danke“ war es nicht getan. Ungläubig strich er erneut über die goldenen Flüsse des Globus. Das kleine Mädchen hatte ihm gegeben, was er glaubte, für immer verloren zu haben.

Er stammelte, ohne ein Wort hervorzubringen. Kimiko wartete geduldig und deutete ein Lächeln an.

Hektisch blickte er sich um. Dann viel ihm das Plakat mit den Dankesbotschaften ein. Er ging darauf zu, deutete auf das Wort Japan und las: „Argigatou!“

Jemand klatschte, dann fielen alle anderen in den Beifall ein, auch Rupert, der seinen Schülern anerkennend zunickte.

„Entschuldigt bitte, dass ich gestern so wütend war. Die Stunde ist für heute vorbei. Geht doch in den Pausenhof und macht etwas, das euch Freude macht.“

Verwundertes Gemurmel. Langsam verließen die Kinder den Raum.

Kimiko verweilte wieder an der Tür. Rupert verbeugte sich. Das Mädchen erwiderte die Geste, lächelte und ging.

* * *

Ruperts Hände zitterten, als er zum Smartphone griff und die Nummer seines Bruders wählte. Des Menschen, dem er geglaubt hatte erklären zu können, wie er seiner Depression den Kampf ansagen könne um sein Leben endlich in den Griff zu bekommen.

„Ja?“

„Hallo Malte, ich bin‘s, Rupert. Was hältst du davon, wenn wir mal essen gehen und reden.“

„Oh ... ich dachte, du willst mit mir nichts mehr zu tun haben. So waren deine Worte.“

Zärtlich fuhr er mit den Fingerspitzen die bunten Zeichnungen auf dem Globus entlang, folgte dem Verlauf von Wiesen und Tälern, erfühlte die goldenen, spiegelnden, glatten Verzierungen über alle Grenzen hinaus.

„Malte, ich denke, dass wir bestimmt einen Weg finden, wenn wir etwas unternehmen ... Zusammen.“

— ENDE —