Das war gemein. Einfach nur gemein. Statt gemütlich drinnen die Glotze zu belagern, mussten sie hier draußen in der Kälte schuften. Natürlich hatten sie sich zur Weihnachtszeit Schnee gewünscht. Aber solche Mengen hatte noch keine von ihnen erlebt. Schon gar nicht an Heiligabend.
»Tja.«, hatte ihre Mutter nur gesagt. »Seid halt das nächste Mal vorsichtiger mit dem, was ihr euch wünscht.«
Es war schon halb dunkel. Es war kalt. Und es schneite noch immer. Es war ihr auch kein Trost, das ringsherum viele weitere Schaufeln und Schieber zum Einsatz kamen. Summer ließ ihren eigenen Schieber beim Zurückziehen laut über den Boden kratzen.
Da hatte sie sich das ganze Jahr solche Mühe gegeben, brav zu sein, damit ihre Weihnachtswünsche auch sicher in Erfüllung gingen. Und nun das hier. So hatte sie sich das nicht vorgestellt.
Ein dumpfes Brummen erklang und wurde langsam lauter. Summer blickte auf: gelbes Licht flackerte über Hauswände und Schnee. Ein Schneepflug näherte sich. Rasch schaute sie sich nach Estelle um und entdeckte sie auf dem Bürgersteig.
»Estelle!«, rief sie, doch es gab keine Reaktion von ihr. Also stiefelte sie zu ihr, tippte ihr auf die Schulter und machte sie auf den Schneepflug aufmerksam. Dann traten beide vom Bürgersteig zurück auf den Streifen Wiese vor dem Haus. Der Laster erschien ihnen riesig. Und der knallrote Pflugschar, links wie rechts mit rot-weißen Fahnen und Blinklichtern bestückt, reichte fast über die ganze Breite ihrer Wohnstraße.
An den Seiten der Straße standen einige Autos. Und jedes Mal, wenn der Laster einem der Autos auswich, wippte das Räumschild, schrabbte laut über den Boden und schob sich mit einem Bumm auf der anderen Seite auf den Bürgersteig hinauf. Die Kinder schauten sich an und lachten, als sie das wütende Geschrei der Nachbarn hörten, die ihren Schnee zum Straßenrand hin abgeladen hatten. Der Pflug schob wieder alles auf den Bürgersteig und auch noch weiter, so das der Weg zum Haus und die Garagenzufahrten öfter durch eine beachtliche Schneemauer von der Straße abgeschnitten wurden.
Dann fuhr er an ihnen vorbei, und sie zogen sich noch weiter auf die Wiese zurück. Ihre Straße war eine Sackgasse mit einem ordentlichen Wendekreis am Ende, so das der Schneepflug schon bald ein zweites Mal an ihnen vorbei kam. Diesmal stand der Pflugschar so, das der Schnee in einem Bogen auf ihre Seite geflogen kam. Natürlich war es nun nicht mehr so viel, denn das meiste war ja schon auf der anderen Straßenseite gelandet. Und Papa hatte ihnen vorher alles erklärt und gezeigt, sodass sie ihren Teil gleich auf der Wiese abgeladen hatten.
Summer seufzte. Das Motorengeräusch verschwand und nahm das gelbe Blinken mit. Müde vom vielen Schaufeln glitt ihr Blick über die geschmückten Bäume vor den Häusern. An manchen brannten schon die Lichter.
Der Baum vor ihrem Haus war dieses Jahr besonders schön, denn er war nicht mit Lichtern geschmückt, nein, große Kugeln aus Glas in allen möglichen schimmernden Farben hingen daran. Sie fingen das Licht ihrer Umgebung ein und leuchteten wie von selbst. Und außerdem blitzten sie immer wieder einmal für einen kleinen Moment auf. Sie wechselten sich dabei ab und es war unmöglich vorherzusagen, welche der Kugeln als nächste erstrahlen würde. Einfach magisch. Summer mochte gar nicht wegsehen.
Doch Estelle hatte keine Lust, den Rest des Schnees alleine weg zu schippen und stupste ihre Schwester an. Die nahm schon ihren Schneeschieber hoch, hielt dann aber plötzlich inne und starrte den Baum weiter an. Estelle stupste Summer ein zweites Mal an, ohne Erfolg. Also drehte sich Estelle auch in Richtung des Baumes.
Der war wunderschön, nur war da erst nichts Ungewöhnliches für sie zu entdecken. Doch dann plötzlich fiel es ihr auf: eines der Lichter blinkte nicht. Es leuchtete die ganze Zeit über in rot vor sich hin. Und anders als alle anderen Kugeln schien sich diese zu bewegen. Nicht viel, nur ein kleines bisschen, nach links, nach rechts, hoch und wieder runter.
Und hinter der Kugel meinte sie ein Gesicht zu sehen.
Estelle hob die Hand um darauf zu zeigen, doch sie kam nicht mehr dazu.
Es gab ein lautes Knirschen, dann folgte für ein oder zwei Sekunden ein Rumpeln. Die beiden Mädchen schauten nach oben und sahen eine gewaltige Menge Schnee vom Dach auf sie herunterkommen. Gleich darauf standen zwei ›Schneemädchen‹ im Garten, die anfingen zu zappeln und zu hüpfen.
Es dauerte dann deutlich länger, bis sich Estelle und Summer von der weißen Last befreit hatten. Sie hüpften und schleuderten mit Armen und Beinen um sich anschließend gegenseitig abzuklopfen. Als sie damit endlich fertig waren, schauten sich die beiden an, dann hoch zum Dach und endlich zum Baum. Ohne auch nur ein Wort miteinander zu sprechen, rannten sie los, die Eine links die Andere rechts um den geschmückten Baum herum. Sie waren so schnell, das sie hinter dem Baum beinahe zusammenstießen.
Dann schauten sie sich um, doch entdecken konnten sie nichts: Keine Spuren im Schnee, außer natürlich ihre eigenen, keine Stromleitung und schon gar keine beleuchtete Kugel. Also ließen sie ihre Blicke über ihre Umgebung schweifen; irgendwo musste doch etwas zu finden sein. Doch nein, nichts!
Da hörten sie Reifen durch den Schnee knirschen. Das rote Licht vergessend rannten sie wieder zurück und weiter zur Garageneinfahrt, vor der gerade das Auto von Papa hielt. Schon waren sie heran und begrüßten ihn lautstark mit ›Huhu‹ und ›Juch-Huh‹ während sie gemeinsam das Garagentor öffneten und nach oben stemmten. Ohne innezuhalten huschten sie an dem Wagen vorbei, jede auf einer Seite, und tippten mit ihren Schuhen den verklumpten Schnee von den Seiten. Kaum getan ging es genauso schnell wieder nach vorn, wo jede sich rechts und links der Garage postierte. Gut sichtbar für ihren Papa, damit er sicher wusste, wo sie beide waren. Der lies das Auto wieder anrollen und nur eine Minute später stand der Wagen an seinem Platz.
Papa schloss die Garage, dann drückten sie sich an ihn und ließen sich in die Arme nehmen. So gingen sie gemeinsam zum Haus und dann hinein.
Gemeinsam mit Mama und Papa trafen sie die letzten Vorbereitungen für diesen besonderen Abend. Der Baum im Wohnzimmer wurde fertig geschmückt, dann der Tisch gedeckt und allerlei andere Kleinigkeiten erledigt.
Unter dem Baum lagen noch immer keine Geschenke, doch Summer machte sich da keine Sorgen. Estelle hingegen sah immer wieder dorthin und jedesmal bildete sich dann eine kleine Falte auf ihrer Stirn. Vielleicht dachte sie an die vielen Male zurück, wo sie störrisch gewesen war oder gar herumgeschrien hatte. Doch es war noch lange nicht Zeit für die Bescherung.
Erst würden sie alle vier zusammen einen schönen Weihnachtsfilm anschauen. Danach war das Essen endlich soweit. Und dann, Summer hatte da so eine Ahnung, würden sie draußen wohl noch einmal den frisch gefallenen Schnee beiseite schieben müssen. Summer blickte zum Fenster hinaus und bewunderte ein weiteres Mal das Farbenspiel der Glaskugeln.
›Wirklich magisch.‹, dachte sie, genau in dem Augenblick wo ein rotes Leuchten auftauchte und nicht wieder verschwand. Dafür tanzte es auf und ab, ganz deutlich.
»Estelle!«, rief sie nach ihrer Schwester. Die stand nur einen Augenblick später neben ihr und starrte ebenfalls zum Fenster hinaus. Das Licht schwebte an dem großen Baum empor, kam wieder herunter, umkreiste ihn einmal, zweimal. Summer und Estelle standen ganz still und versuchten, mehr zu erkennen. Im schwachen Widerschein der Straßenlaternen, die standen nämlich leider alle ein gutes Stück weit entfernt, brauchte es lange, doch dann waren sich die beiden sicher.
»Rudolph.«, flüsterte Estelle.
»Hmm.«, kam es leise von Summer.
»Was?«
»Es ist zu klein.«, merkte Summer an.
»Aber ein Rentier ist es doch.«, gab Estelle zurück.
Dann schwiegen beide wieder und starrten auf das Treiben draußen.
Plötzlich wurde das Rentier immer schneller, flog dreimal, viermal in einem Affenzahn um den Baum und schoss schließlich direkt vor ihrem Fenster senkrecht nach oben. Mit dem Hintern voran! Kopfüber! Dabei grinste es die beiden Mädchen frech an und lies seine Nase hell aufleuchten.
»Was drückt ihr euch denn die Nasen so platt?«
Die Frage kam von Papa und war durchaus berechtigt, drückten sich die Schwestern doch direkt an die Scheibe.
»Kommt ihr?«
Es war Zeit für den Film und Kuscheln mit den Eltern. Und das war den beiden so wichtig, das sie sich gleich abstießen und schnell ins Wohnzimmer liefen. Dort war es halb dunkel, die im Raum verteilten Kerzen lieferten ein warmes Licht, das die Schatten ein wenig hin und her wandern ließ. Der heiße Kakao und ein paar Lebkuchen standen schon auf dem Tisch bereit, Mama saß bereits auf der Couch und die Kinder schmissen sich praktisch auf sie.
Sie sahen einen alten Märchenfilm an, mit ganz viel Schnee, wie Aschenputtel im Winter. Aber irgendwie doch wieder anders, mit drei Zaubernüssen, einer Eule und Pferden, und keine dachte mehr an rote Lichter oder Rentiere.
Das Essen nahmen sie am großen Tisch ein, auf dem für jede von Ihnen eine einzelne Kerze brannte. Die Lampe darüber war gedimmt, und der Tisch bildete so eine Insel aus Licht, auf der sich viele kleine Schüsseln fanden, mit verschiedenen Gemüsen, Salaten, Soßen, kleinen Fleischstückchen, unterschiedlichen Käsen, Brote, Knoblauchbutter und und und. Und sie durften selbst alles miteinander kombinieren und ausprobieren und die Pfännchen in den Raclette Ofen schieben und auch wieder herausnehmen. Hin und wieder quickste jemand auf, weil sie oder er sich einen Finger oder den Mund verbrannt hatte. Aber das war die Sache wert.
Natürlich kam der Zeitpunkt, da alle pappen-satt waren. Sehnsüchtig schauten Estelle und Summer in Richtung Baum. Doch noch immer lagen da keine Geschenke.
»Okay.«, kam es von Mama. »Ich räume den Tisch ab, und du …«, sie nickte in Richtung Papa, »… wirst wohl noch einmal raus müssen.«
Papa tat einen tiefen Seufzer.
»Wir helfen dir!«, rief Summer laut und stieß Estelle leicht an. Die brauchte einen Moment, bis sie kapierte.
»Aber ja!« Und damit sprang Estelle regelrecht auf, rannte, dicht gefolgt von ihrer Schwester, zur Garderobe. Nur eine Minute später waren die beiden dick eingemummelt in Stiefeln, Jacken und Handschuhe und dann huschten sie auch schon hinaus in die Kälte.
»Ähhh?« Die Eltern schauten erst den Kindern hinterher und dann sich an. Dann gingen ihre Blicke wieder in Richtung Haustüre.
Währenddessen schlichen die Mädchen einmal ums ganze Haus und suchten dabei auch immer wieder den Himmel ab. Natürlich waren sie auf der Suche nach einem gewissen Rentier, jedoch ohne Erfolg. Zur Sicherheit begannen sie eine zweite Runde.
An der dunkelsten Stelle auf ihrem Weg fiel Estelle ein rotes Glühen des Schnees um sie herum auf. Verdutzt blieb sie stehen. Summer bekam das nicht mit, ging weiter und verschwand um die nächste Hausecke. Als sie bemerkte, das Estelle nicht mehr hinter ihr war, ging sie die paar Schritte zurück zur Ecke und spähte um diese herum.
Dann stand ihr der Mund offen.
Da war Estelle, die sich immer wieder nach links oder rechts umdrehte. Und immer genau hinter ihr schwebte das kleine Rentier mit seiner rot leuchtenden Nase. Es war so flink dabei, das Estelle es nie zu sehen bekam.
Doch Estelle war nicht dumm. Sie blieb einen Augenblick lang stehen und sah zu Boden. Ganz offensichtlich dachte sie angestrengt nach. Dann, ohne Vorwarnung, ließ sie sich einfach nach hinten in den Schnee fallen, wie um einen Schneeengel zu machen. Und nun gab es kein Verstecken mehr, über ihr schwebte das Rentier, wieder mit dem Kopf nach unten und dem Popo in den Himmel gestreckt. Und seine rote Nase befand sich direkt vor Estelles Gesicht.
»Öhr, öhr!«, ertönte es laut. Irgendwie hörte es sich an wie die Hupe von einem uralten Auto. »Öhr, öhr!«
Estelle hob die Arme, langsam, ganz langsam, bis ihre Hände an die Backen des Rentieres reichten. Und ganz vorsichtig ließ sie dann ihre Finger über das Fell gleiten.
»Öhr, öhr!« Ein leichtes Schütteln durchlief das kleine Tier, doch es flog nicht davon. Dafür löste sich eine Wolke silbernen Staubs von ihm und rieselte langsam auf das Kind unter ihm hinunter.
Summer hielt es nicht länger aus. Vorsichtig bewegte sie sich auf die beiden zu. Als sie näher kam ging sie erst in die Hocke, dann auf alle Viere. Endlich war sie neben Estelle, legte sich ebenfalls auf den Rücken und streckte eine Hand aus. Ein bisschen rauh und kratzig fühlte es sich an, doch gleichzeitig fand sie es wunderschön.
»Öhr, öhr!« Ein weiteres Schütteln und noch mehr Silberstaub rieselte.
Ein Rauschen erklang, dann Gebimmel von vielen, vielen kleinen Glöckchen und mit einem Mal stand da ein riesiger Schlitten, gezogen von acht Rentieren, gleich neben ihnen. Und alle verdrehten sie ihre Hälse, um auch ja nichts zu verpassen.
Auf dem Bock saß eine große Gestalt, in dicke Felle gehüllt. Die beugte sich zu ihnen herunter und musterte sie streng. Die dunklen Augenbrauen zogen sich Unheil verkündend zusammen. Der graue, wilde Bart milderte den Eindruck kein bisschen, eher schüchterte er die Mädchen zusätzlich ein.
»Rumiana!« Die Stimme war tief und von einem leisen Donner durchzogen.
Mit einem weiteren »Öhr, öhr!« schlug Rumiana einen Salto: »Öhr, öhr!«
»Bist du dir da sicher?« Zweifel lagen nun in der dunklen Stimme.
»Öhr, öhr!« Diesmal gab Rumiana eine Seitenrolle zum Besten, hielt dann alle Viere nach oben in die Luft während ihr Kopf nach unten hing. So weit unten, das zwei Nasen sich berührten.
»Also gut. Aber nur für diese eine Nacht! Und nun komm, Rudolph sucht dich schon überall.«
Ein lauter Peitschenknall ließ Summer und Estelle zusammenzucken und die Augen schließen. Als sie sich endlich wieder trauten, blickten sie sich um, doch sie waren alleine.
Einen langen Moment schauten sie sich an, dann machten sie sich so schnell ans Schnee schaufeln, wie sie nur konnten. Keine von beiden sprach ein Wort.
Als ihr Papa endlich nach draußen gekommen war, hatten die Mädchen schon fast allen Schnee zur Seite geräumt. Als sie wieder ins Haus kamen, hörten sie ein helles Glockenläuten: endlich Bescherung!
Doch anders als in den Jahren zuvor zogen die Schwestern erst Jacken und Schuhe aus und räumten alles sorgfältig weg. Dann schauten sie sich an, sagten dabei aber keinen Ton, und gingen gemeinsam zum Baum. Sie blieben sogar einen Moment stehen, statt direkt auf die Geschenke loszustürmen.
Doch das Papier um die Geschenke wurde heruntergerissen wie eh und eh. Mama und Papa tauschten erleichterte Blicke, das waren wohl doch ihre Kinder.
Nun, die Eltern wussten es nicht besser.
Denn jedesmal, wenn die Mädchen für einen Moment alleine im Zimmer waren, schwebte eines — und öfters auch beide — zur Baumspitze empor, tippten einen der grünen Zweige oder einen Schmuck oder die Spitze selber an. Und jedesmal, wen das geschah, schneite es ein klein wenig über der Stelle, die sie berührt hatten.
Der Schnee legte sich ab auf dem Baum, den Ästen, dem Schmuck und den Geschenken und allem, was in der Nähe stand und lag. Und natürlich auch auf dem Boden und den Möbeln. Er war kalt und blinkte und glitzerte. Und es ließen sich auch ganz hervorragende Schneebälle daraus formen. Und er schmolz nicht!
Mama und Papa schauten verwirrt auf die weiße Pracht, die sich da im Zimmer ausbreitete. Ein paar Mal öffneten sie den Mund, als wollten sie etwas dazu sagen, doch jedes einzelne Mal huschte ein seltsamer Ausdruck über ihre Gesichter und sie vergaßen es einfach.
Summer und Estelle grinsten sich an. Wenn das so war … und dann machten sie es Rumiana nach und flogen Saltos und Rollen. Und dabei war ihnen, als hörten sie aus der Ferne ein ›Öhr, öhr‹.
Des Rentiers Namen
Vielleicht hat es ja der eine oder andere erraten: Rumiana ist ein Mädchen, das Töchterchen von Rudolph.
Der Name entstammt dem Slawischen und bedeutet: ›Die Starke‹ oder auch ›Die mit den roten Wangen‹.